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INTERVIEW - 11.26.2009       

 

Peter flucht. Auf seiner Stirn glänzen Schweißtropfen, er keucht. Noch fünf Wiederholungen hat er vor sich: In einer einzigen, zügigen Bewegung befördert er die 12 kg schwere Eisenkugel gekonnt mit Schwung vom Boden über seinen Kopf auf seinen gestreckten Arm, wieder und wieder. Der Trainer behält ihn – wie auch die anderen zehn Teilnehmer des Kurses – dabei ständig im Auge, feuert an und korrigiert gegebenenfalls die Technik. Wer derzeit am Dienstag oder Donnerstag zwischen sieben und acht Uhr abends den großen Kraftraum im Sport- und Freizeitzentrums des ESV betritt, der kann unseren neuen Kurs „Funktionale Fitness mit Kettlebells“ beim Training bestaunen. Der Kursleiter, unser Kettlebell-Trainer Robert Rimoczi RKC, hat dazu ein paar Fragen beantwortet:

 

Robert, was bedeutet eigentlich das Kürzel „RKC“ hinter deinem Namen?
„RKC“ ist ein Zertifikat, das von der weltgrößten – von Pavel Tsatsuline ins Leben gerufenen – Kettlebell Organisation „Russian Kettlebell Challenge“ vergeben wird. Dieses Zertifikat kann man nicht einfach kaufen: In einer dreitägigen, sehr harten Prüfungsserie müssen die angehenden Kettlebell-Trainerinnen und -Trainer unter Beweis stellen, dass sie nicht nur die technischen Abläufe der Übungen sowie die theoretischen Prinzipien des Trainings sicher beherrschen, sondern auch selbst eine hervorragende körperliche Fitness aufweisen. Die Durchfallquote liegt bei bis zu siebzig Prozent. Diejenigen, die es geschafft haben, schreiben die drei Buchstaben stolz hinter ihren Namen.

Was ist eigentlich eine Kettlebell?
Es ist eine Eisenkugel mit Griff. Im zaristischen Russland wurden diese Eisenkugeln von Bauern als Bezugsgröße für das Abwiegen von Getreide verwendet. 16kg entspricht der alten russischen Gewichtseinheit „Pud“. Daran orientieren sich noch heute die offiziellen Kettlebells: Es gibt sie in den Größen 8kg, 12kg, 16kg, 24kg, 32kg, 40kg und 48kg. Übrigens sind Kettlebells auch in Deutschland schon mehr als hundert Jahre als „Rundgewichte“ bekannt. Nachdem sie lange Zeit in Vergessenheit geraten waren, liegen die Eisenkugeln nun wieder im Trend. Kein Wunder, wenn man ihren umfassenden Trainingsnutzen bedenkt.

Wie bist zu zum Kettlebell-Training gekommen?
Intensives Krafttraining betreibe ich seit 1985; neun Jahre lang habe ich zudem Vollkontakt-Kampfsportarten gemacht. Außerdem interessierte mich von Anfang an die Theorie hinter der ganzen Praxis: Zuhause habe ich einen Schrank voll mit sportwissenschaftlichen Büchern; ich bin also ziemlich vorbelastet. In Kontakt mit den Kettlebells hat mich dann mein Freund Peter Lakatos gebracht, der als Kampfausbilder arbeitet und ziemlich weit auf der Welt herumgekommen ist. Bei ihm habe ich vor drei Jahren das erste Mal die Eisenkugeln gesehen und ausprobiert Das Kettlebell-Training hat mich sofort überzeugt: Es ist das, was ich schon immer gesucht habe: hart, effektiv und trotzdem gesund.

Was ist der Unterschied zwischen einer Kettlebell und herkömmlichen Kurzhanteln?
Der Schwerpunkt einer Kettlebell ist nicht mittig im Griff, sondern deutlich außerhalb. Dies bringt eine Menge Vorteile mit sich: Man kann so unter anderem leichter ballistische Übungen ausführen, bei denen man sich den Schwung der Kugel zu Nutzen macht. Dabei kommt es zu kurzen, kräftigen Muskelkontraktionen. Man absolviert ganze Bewegungsabläufe statt kleiner Teilbewegungen, aktiviert folglich komplette Muskelschlingen, statt nur isolierte Muskeln oder einzelne Muskelgruppen anzusprechen. Damit ermöglichen Kettlebells ein sehr intensives, effektives Training. Es existieren zahlreiche verschiedene Kettlebell-Trainingsprogramme, mit denen man jeweils z.B. die Schnellkraft, das Herzkreislaufsystem, die aerobe Ausdauer, die Laktat-Toleranz und vieles andere mehr entwickeln kann.

Also ist die Kettlebell nur für ballistische Übungen, bei denen man den Schwung der Kugel nutzt, gedacht?
Nein, überhaupt nicht. Es gibt hunderte Kettlebell-Übungen für die unterschiedlichsten Zielsetzungen. Eine Kettlebell ist ein mobiles Fitnessstudio. Mit der Kugel kann man problemlos ebenso zu Hause wie im Freien alle Körperbereiche trainieren. Die Übungen beanspruchen dabei immer auch den Rumpf, im Englischen bekannt als „Core“. Diese Stützmuskulatur in der Körpermitte ist in der Tat sozusagen der „Kern“ der menschlichen Bewegungsfertigkeiten: Nur ein stabiler Rumpf gewährleistet, dass Kraft auch wirklich in Leistung umgesetzt, also zum Beispiel als Vorwärtstrieb beim Laufen auf die Straße gebracht oder als Sprungkraft beim Basketball zum Punkten genutzt wird: Der „Core“ ist der Kraftgenerator und transformator für die meisten menschlichen Bewegungen. Ohne ihn funktioniert gar nichts oder nur sehr wenig. Aber nicht nur aktive Athleten sollten Interesse an einer funktionsfähigen Rumpfmuskulatur haben: Eine schwache, instabile Körpermitte führt häufig zu Rückenschmerzen und Mobilitätseinschränkungen im Alltag. Kettlebells sind demnach gut geeignet nicht nur für leistungsorientierte Sportler, sondern auch für die Rehabilitation, für den Aufbau und Erhalt von Mobilität, Kraft und Stabilität, gerade auch im Alter. Einige meiner Kunden sind über 60 Jahre alt und haben sich durch die Arbeit mit den Eisenkugeln massiv verbessert. Ich kenne einen amerikanischen Physiotherapeuten, Dr. Mark Cheng, der mit Kettlebells 80jährige Schlaganfall-Patienten wieder fit macht.

Kann man mit Kettlebell Muskeln aufbauen?
Mit einem kraftorientierten Kettlebell-Training kann man sogar sehr gut Muskulatur aufbauen. Unser Kurs hier im ESV heißt zwar „Funktionale Fitness mit Kettlebells“, jedoch bauen wir in unser Training auch viele verschiedene Übungen mit dem eigenen Körpergewicht ein.

Eigengewichtübungen? Sind die nicht viel zu leicht zum Muskelaufbau?
Wie viele Ein-Bein-Kniebeugen, Ein-Hand-Liegestütze oder Ein-Hand-Klimmzüge schaffst Du? Ich halte zwar nicht viel von nutzloser Muskelmasse, aber das größte Muskelwachstum wird bekanntlich ausgelöst, wenn man mit ca. 85% des Widerstands arbeitet, den der Trainierende maximal einmal bewältigen kann („1 RM“), und diese Belastung kann man auch mit dem eigenen Körpergewicht und/oder mit Kettlebells erreichen. Allerdings ist das Ziel bei unserer Arbeit mit den Rundgewichten etwas anders gelagert: Wir wollen nicht primär Muskelmasse aufbauen, sondern die funktionale Fitness steigern. Eine ansprechende Optik ergibt sich dann mit der Zeit automatisch.

Viele Fitnessstudios bieten mittlerweile auch Kettlebell-Training an...
Okay, hier muss man stark differenzieren: Fitnessstudios bieten kein RKC-Kettlebell-Programm an. Die Kettlebell-Kurse in den Studios werden von Fitnesstrainern geleitet, die oft nur irgendwelche Kurzschulungen oder Wochenend-Seminare besucht haben. Für die Fitnessstudios ist die Kettlebell nur eine weitere Neuheit auf dem Fitnessmarkt, nur ein Trend, ein neues Buzz Word wie „Hot Iron“, „Power Plate“ oder „Flexibar“. Von RKC-Kettlebell-Trainern wird dagegen ein sehr hoher Qualitätsstandard verlangt. Ein RKC-Prüfungskandidat muss nicht nur die Theorie kennen, sondern muss diese Theorie konsequent auf sein eigenes Training anwenden, um die Prüfungen zu bestehen. Er weiß also zwangsläufig, wovon er spricht. Frag den Kettlebell-Trainer im Fitnessstudio, ob er mit einem Arm eine Kettlebell, die halb soviel wiegt wie er selbst mit einem Arm über Kopf stemmen kann? Kann er in fünf Minuten mit einem 24kg-Kettlebell hundert Wiederholungen der Übung Snatch machen? Übrigens muss man beim RKC solche Prüfungen alle zwei Jahre wiederholen. Samba würdest du ja auch nicht von jemand lernen wollen, der nur behaupten kann, dass er sich - nach einer Schulung von wenigen Stunden – etwas in Samba-Theorie auskennt. Er sollte schon was zeigen können, oder?

Wer kann mit dem Kettlebell trainieren, für wen sind deine Kurse im ESV geeignet?
Für jeden! Du wirst kräftiger, ausdauernder und erhöhst deine Verletzungsresistenz. Menschen mit wenig Zeit lernen für zu Hause ein hocheffektives Zehn-Minuten-Work-Out. Übergewichtige werden mit High-Intensity-Intervall-Training in kurzer Zeit deutlich abspecken, ohne unnötige Gelenkbelastung. Nebenbei verbessern wir in unserem Kurs „Funktionale Fitness mit Kettlebells“ deine Mobilität und stabilisieren gleichzeitig den ganzen Körper. Zudem macht das Training einfach Spaß: Jeder kann gerne vorbeikommen!

Auch im kommenden Jahr wird es wieder Kettlebell-Kurse geben, mit speziellen Angeboten für Abteilungs- und Vereinsmitglieder. Die Termine und alle Infos hierzu werden rechtzeitig per Aushang und auf der ESV-Internetseite bekannt gegeben. Mehr Infos rund um das Kettlebell-Training findet ihr auch auf der Internetseite von unserem Kettlebell-Trainer Robert Rimoczi unter: www.hardstyletraining.de.

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