Dieser Satz von Stevens Artikel lässt mich nicht in Ruhe: „In der Zeit von 2004 bis 2009 stieg die Zahl der Bandscheiben OP´s von 112.000 auf 160.000“.
Mir fallen zwei Fragen ein: Hat das deutsche Gesundheitssystem im Jahre 2004 ganze 48.000 Menschen mit Bandscheibenvorfall unoperiert leiden lassen oder wurden im Jahre 2009 etwa 48.000 Patienten unnötig operiert? Welcher Umstand hat sich so sehr verändert dass er eine Steigerung von 43% verursacht hat?
Menschen sind schlechter?
Hat sich der Zustand der Bevölkerung in nur 5 Jahren so dramatisch verändert? Zu den Risikofaktoren für Bandscheibenvorfall gehören Übergewicht, Rauchen und Bewegungsmangel (Ich würde eher sagen, durch den Bewegungsmangel verbundene Schwäche und Ungeschicklichkeit). Die Fettleibigkeit nimmt zu, aber das Übergewicht hat sich zwischen 1999 und 2005 nicht deutlich verändert. Adipöse Personen sind nicht signifikant überrepräsentiert in der Patientengruppe mit Bandscheibe OPs. Es wird auch immer weniger geraucht, das sollte sogar gegen die Zunahme der OP´s wirken. Ich denke der Bewegungsmangel ist auch nicht plötzlich nach 2004 aufgetreten und somit ist die Veränderung der Bevölkerung als Ursache auszuschließen.
Ärzten sind besser?
Hier ist eine Dissertation welche die Bandscheibenoperation aus anästhesiologischer Sicht betrachtet. Daraus erfährt man, daß dank Mikrochirurgie die Bandscheiben OP`s immer ungefährlicher werden. Das Risiko einer OP einzuschätzen ist nicht einfach und es fallen Begriffe wie Krankenhaus- und 90 Tage-Sterblichkeit und Komplikationshäufigkeit. In den zitierten Studien variieren diese Werte in einer Größenordnung von einigen wenigen Prozent bei den Komplikationen und ein Zehntel Promille bei der Sterblichkeit.
Okay, also die Mikrodiskotomie wird immer weniger riskant und deswegen wird sie immer häufiger angeordnet und durchgeführt? Es gibt einen signifikanten Fortschritt: Die durchschnittliche OP-Zeit wird immer kürzer und die Komplikationen sind seltener. Aber die 43% Steigerung kann nicht wegen einem geringeren OP-Risiko zusammenkommen da 94% aller Patienten gemäß Münchner-Risiko-Checkliste in Gruppe I (geringes Risiko) eingestuft sind, also nur bei 6% der Patienten müssen die Ärzte sorgfältiger die Risiken abwägen.
Kriterien für die OP sind gleich geblieben
Die Indikationen sind klar definiert und haben sich in den letzten Jahren wenig verändert:

Quelle Die Ärzte haben einen Interpretationsfreiraum, aber genau deswegen wird der Job von Menschen und nicht von Computern ausgeführt. Hat sich also der Interpretationsfreiraum verändert?
Mehr Geld wird ausgegeben
Aus ökonomischer Sicht betrachtet werden nur die OP`s durchgeführt, welche auch von irgendjemanden bezahlt werden. Krankenkassen zahlen also mit zunehmender Freude die Bandscheiben OP`s? Krankenkassen bezahlen gar nichts. Du und ich bezahlen es, wir sind die Beitragszahler. Die Krankenkassen bewegen so viel Geld wieviel sie nur können, da von einem größeren Budget nämlich mehr übrig bleibt. Man könnte beliebig viel für Behandlungen auszahlen, klingt hart, aber man könnte beliebig viel in weitere Tage Intensivtherapie von Todkranken investieren (Ich würde wahrscheinlich auch weinend für jeden weiteren Tag auf den Knien betteln, falls meine Familie betroffen wäre, genauso wie Du). Man könnte tägliche Fußmassage für Softwareentwickler mit Burnout Syndrom zahlen (Da stimme ich sofort zu). Oder man kann versuchen jeden mit Rückenbeschwerde schmerzfrei zu operieren. Die Deckelung der Gesundheitsausgaben erfolgt nicht durch den Bedarf, sondern durch die gesellschaftliche Akzeptanz des Beitragssatzes. In 2009 lagen die Gesundheitsausgaben bei 278.300.000.000 EUR das entspricht 11,6% des Bruttoinlandsproduktes. Die Deutschen akzeptieren es, jährlich etwa 3% (manchmal auch 5%) mehr für die „Gesundheit“ auszugeben. Hier ist eine Studie über die Langzeitfinanzierbarkeit von diesem Nationalsport. Schau mal dieses Diagramm an!

Wenn es so weiter geht, werden wir im Jahre 2070 in einer Utopie leben, wo man nur noch für die „Gesundheit“ arbeitet.
Wir zahlen immer mehr, wir sind also immer gesünder?
Eher nicht, z. B. nimmt die Häufigkeit von Rückenleiden ständig zu (z.B. hier) . Kann man überhaupt Gesundheit kaufen? Werden wir gesünder, wenn wir mehr für die „Gesundheit“ ausgeben? Beispiel: Nehmen wir einmal an, ich fresse mich ständig mit fettigem Essen bis zum Bauchschmerz voll. Dann gehe ich zum Arzt und lasse mir eine Verdauungspille aufschreiben. Ab jetzt nehme ich diese Pille regelmäßig, mein Bauch tut nicht mehr weh, und alle sind glücklich. Alle? Der Arzt, der Apotheker, die Krankenkassen und die Pharmaindustrie bestimmt. Aber was ist mit mir? Bauch tut nicht mehr weh, - das ist schon mal gut, - aber ich habe keine Gesundheit gekauft Ich habe mich lediglich in meinem verantwortungslosen Verhalten ärztlich bestätigen lassen. Ich habe eine neue Abhängigkeit aufgebaut was mich mittelfristig sehr wahrscheinlich krank macht. Die Ursache (falsche Ernährung) wird durch das Medikament nicht gelöst, nur das Symptom. Mit dem Rückenschmerz ist es oft das Gleiche. Operativ lassen sich die Ursachen (Übergewicht, Rauchen, Bewegungsmangel) nicht beseitigen. Durch die Dummheit und Faulheit der Bevölkerung lässt sich ordentlich Geld machen. Andererseits wird aber auch ordentlich ein gesamtwirtschaftlicher Schaden verursacht. Für Bildung steht ungefähr nur ein Drittel des Budgets der Gesundheitsausgaben zur Verfügung. Wie viele Milliarden könnte man sparen wenn wir einige Milliarden in die Bewegungs- und Ernährungsausbildung in den Schulen stecken würden? Laut Schätzungen wären zweidrittel bis dreiviertel der Gesundheitsausgaben durch vernünftige Ernährung und ausreichender Bewegung vermeidbar...
Robert Rimoczi